Ein Leben als Freigeist

Ich bin ein Freigeist, aber es hat sehr lange gedauert, bis ich das verstanden habe. Die meiste Zeit in meinem Leben, habe ich nur das gemacht, was andere von mir erwartet haben. Ich wollte es jedem recht machen und fühlte mich oft hin und her gerissen. Die Angst, jemanden zu enttäuschen, war mein ständiger Begleiter. Für mich hieß es: einen guten Abschluss machen und danach eine Ausbildung oder ein Studium (ganz egal was), um später davon leben zu können. Es ging nicht darum, Spaß zu haben, sondern sich in die Gesellschaft einzufügen und das zu tun, was alle anderen auch tun: 40 Stunden die Woche arbeiten, um Rechnungen zu bezahlen und einmal im Jahr in den Urlaub zu fahren. Meckern über meinen Job, der total ätzend ist, aber weil es genug Geld gibt und eine Kündigung zu unsicher ist, ziehe ich es durch.

So sollte mein Leben aussehen, doch durch meine Krankheit erschien mir alles doppelt so schwer. Ich habe mein Abitur erst im zweiten Anlauf geschafft und auch nur, weil ich jede Menge Unterstützung hatte. Von Lehrern, die jeden Text für mich größer kopiert haben, einem Direktor, der für mich einen größeren Monitor gekauft hat und Mitschülern, die neben mir saßen, um mir das vorzulesen, was an der Tafel stand. Hätte ich mich für eine andere Schule entschieden, wäre es ganz sicher anders gewesen und ich hätte noch immer keinen Abschluss, aber diese drei Jahre haben mich verändert. Und dort habe ich auch erkannt, dass ich ein Freigeist bin …

Drei Jahre, die alles verändert haben:

Wenn Lehrer nicht nur Menschen sind, die vor einer Klasse stehen und ihren Schülern den Unterrichtsstoff eintrichtern, sondern so viel mehr …

Durch meinen Deutschlehrer habe ich gelernt, zu meiner eigenen Meinung zu stehen und mich nicht mehr danach zu richten, was andere denken. Er brachte mir bei, immer einen Teil von mir in die Texte zu legen, die ich schreibe. Ob es nun Gedichte sind oder ein Aufsatz war dabei ganz egal. Und so kam – nach diesem schweren Schicksalsschlag – meine Liebe zum Schreiben zurück.

Meine Klassenlehrerin zeigte mir, dass es in Ordnung ist, auch einmal etwas für mich zu tun. Ich bekam wesentlich mehr Selbstvertrauen und begann, mich nicht länger zu verstecken. Ich fing an, mich zu fragen, was ich von meinem späteren Leben erwarte und was meine Wünsche sind, doch es sollte zwei weitere Jahre dauern, bevor ich zu meinem Kindheitstraum zurückfand.

Campusleben:

Meine Familie hielt nichts davon, zu studieren. Sie betrachteten es als Zeitverschwendung und waren der Meinung, danach wäre ich „überqualifiziert“. Wahrscheinlich hat mich das in meiner Haltung unbedingt zu studieren bestärkt, was reichlich dämlich ist. Ein Studium sollte man nicht aus purem Trotz beginnen, das habe ich aber erst zu spät erkannt. Da hing ich längst in den Vorlesungen und stellte fest: Irgendwie ist es nicht das, was ich erwartet habe. Was ich will. Zum einen bekam ich hier nicht annähernd so viel Hilfe wie während des Abiturs. Trotz eines Briefes, dass ich jede Vorlesung als Downloadmaterial bräuchte, waren einige Professoren nicht bereit, dem nachzukommen. Und so verlor ich schon in den ersten Monaten den Anschluss, was ziemlich frustrierend war.

Dazu kam noch die Arroganz meiner Kommilitonen. Ich habe ja schon viele Gründe erlebt, weshalb über andere gelästert wurde: Keine Markenklamotten, nicht so viel Geld, andere Ansichten, eine Behinderung usw, doch aufgrund von dem, was jemand gerne isst? Hallo, das sollte doch jedem selbst überlassen sein! Kann sich doch jeder so ungesund / gesund ernähren wie er will.

Irgendwann war es mir so zuwider, zu einer Veranstaltung zu gehen, wo ich jedes Wort mitschreiben musste, da ich nicht lesen konnte, was wirklich wichtig war, und mit Menschen zusammen war, die andere wegen jedem Pups verurteilten. Um dem zu entkommen, begann ich wieder zu schreiben, entdeckte meine größte Leidenschaft neu.

Aber du brauchst doch einen Brotjob!

Zwischen Univorbereitung, Veranstaltungen und Nachbereitung blieb aber kaum noch Zeit für etwas anderes. Manchmal war ich so müde, dass ich im Zug einfach eingeschlafen bin (ein Wunder, dass ich nicht in einer anderen Stadt gelandet bin ;-D) und wenn ich endlich zu Hause war, wollte ich nur noch etwas essen und dann ins Bett. Das ging aber nicht, ich musste ja noch x machen und y vorbereiten und …

Ich ertrank zum zweiten Mal in Dingen, die noch zu erledigen waren. Das hatte ich zuletzt auf dem ersten Gymnasium, an dem ich dann auch mein Abi nicht geschafft habe. Und das nach drei Jahren, in denen ich gern im Unterricht saß, in denen es mir so leicht viel zu lernen und dennoch mein eigenes Leben zu leben. Wahrscheinlich war ich einfach zu verwöhnt. Aber meinen Kommilitonen jedes Mal zu erklären, weshalb ich ihre Notizen brauchte, obwohl ich doch schräg hinter ihnen in der Vorlesung gesessen habe war … schrecklich. Anders kann ich es nicht sagen.

Hat es in meiner letzten Schule gereicht alles einmal zu sagen, musste ich es hier immer wieder tun und kam mir irgendwann vor, als wolle ich Mitleid erhaschen und nicht nur den verdammten Stoff abschreiben. Uni war keine Fortsetzung von Schule, sondern eine völlig andere Welt, die mir auch nach zwei Jahren noch fremd blieb. Und irgendwann erreichte ich den Punkt, an dem ich mich fragte: „Will ich das wirklich oder mache ich das nur, um jemandem etwas zu beweisen?“

Mein einziger Gedanke war: Du musst das tun, du brauchst einen Brotjob, wenn du schreiben willst. Anders geht es nicht.

Das größte Risiko meines Lebens:

In dieser Zeit habe ich oft geweint, weil ich doch genau wusste, was ich wollte, es allerdings unmöglich war. Nur schreiben, das geht einfach nicht, wenn es keine Möglichkeit gibt, Geld zu verdienen. Dann verschlechterten sich meine Augen und ich musste mich mit einem der Professoren anlegen, bei dem jegliche Technik im Unterricht verboten war. Tja, leider brauchte ich aber einen eReader, denn die Schrift in den Reclam-Heftchen war eine Zumutung für mich. Ich habe verloren und durfte meinen Reader nicht benutzen. Und das war der Moment, wo mir etwas klar wurde.

Ich werde mein ganzes Leben darauf angewiesen sein, dass meine Arbeitgeber sich entweder nach meinen Bedürfnissen richten oder ich quäle mich damit ab, Leistungen zu erbringen, die ohne Hilfsmittel gar nicht möglich sind. Ihr glaubt nicht, wie viel Geld ich ausgegeben habe, um mein Zuhause, meinen Arbeitsplatz so einzurichten, dass ich damit Problemlos arbeiten kann. Die besten Programme, der schärfste und größte Monitor, eine Lampe, mit der ich stundenlang lesen kann und die auf meine Bedürfnisse eingerichtet ist (Licht in einer bestimmten Wellenlänge), eine Brille, einen Lupenstein … Ein Gerät, um damit leichter lesen zu können übersteigt im Moment noch meine Mittel, aber das steht auch auf meiner Liste.

All das würde ich auch bei meiner späteren Arbeit brauchen. Und mein Arbeitgeber müsste es zahlen und dulden. Nur, wenn sich die Professoren an der Uni schon so anstellen, was für ein Krampf würde es dann erst später werden? So überlegte ich Monate hin und her, führte lange Gespräche mit meinem Mann und grübelte, bis mir der Schädel rauchte.

Ein Freigeist zu sein ist in unserer Leistungsgesellschaft wahnsinnig schwer. Dennoch hat mein Mann irgendwann gesagt: „Versuch es doch einfach!“

Und so ging ich das größte Risiko meines Lebens ein.

Was es heißt, ein Freigeist zu sein

Ich habe so lange versucht, mich anzupassen. Hatte Angst davor, was andere von mir denken, wenn ich bestimmte Entscheidungen treffe. Und dabei wollte ich doch einfach nur meinem Herzen folgen, habe diesen Wunsch jedoch viel zu lange unterdrückt. Schließlich viel mir all das auf die Füße, weil ich kreuzunglücklich geworden bin. Meine Zukunft sollte nicht so aussehen, dass ich für das kämpfe, was ich brauche, um gute Arbeit zu leisten. Ich wollte mich für meine Krankheit und meine Persönlichkeit nicht rechtfertigen müssen. Erst recht nicht, wo ich doch nun wusste, wie es ist, eine eigene Meinung zu haben und Hilfe zu bekommen.

Nur, um das mal klarzustellen: Ich bin kein Freigeist, weil ich krank bin oder weil ich als Kreativmensch arbeite. Aber da ist einfach dieses Gefühl, nicht in diese Gesellschaft zu passen. Weil ich meine Freiheit nicht opfern will, um in vermeindlicher Sicherheit zu leben. Ich will mich keinem System anpassen, welches mich ins Unglück treibt. Noch weniger will ich wichtige Dinge totschweigen, die bei uns ein Tabuthema sind. Oder über jeden Pups meckern, wie es die Deutschen doch gerne mal tun. Urlaub scheiße, Fernsehprogramm scheiße, alles scheiße.

In letzter Zeit scheint das die Grundeinstellung in meinem Umfeld zu sein. Und ich frage mich dann immer, ob es nicht andere Probleme gibt, über die man sich Gedanken machen kann. Fünf Monate habe ich mir zum Beispiel Gedanken darum gemacht, ob ich meine Rechnungen noch weiter zahlen kann (von dieser Sorge bin ich seit Donnerstag erlöst). danach kam die Frage: Wie soll ich Aufträge bearbeiten und an meinen Projekten schreiben, wenn es einen Pflegefall in der Familie gibt? Vor allem, weil mein Job ja nicht  soeinfach abgearbeitet werden kann.

Und obwohl das alles nicht so einfach war und immer noch nicht ist, habe ich versucht, mich an kleine Dinge zu klammern, um nicht ganz abzustürzen. Es kann sein, dass ich das Schreiben für eine lange Zeit aufgeben muss und dieser Gedanke versetzt mich in Panik. Aber jammern hilft da auch nichts, deshalb suche ich fieberhaft nach einer Lösung.

Frei, frei frei!

Für meinen Traum habe ich viel aufgegeben und geopfert, dennoch weiß ich, dass ich wahnsinniges Glück habe. Nicht jeder, der es gern würde, kann diese Entscheidung treffen. Manchmal, wenn die finanzielle Unsicherheit groß ist, frage ich mich, ob ich die falsche Wahl getroffen habe, doch bisher habe ich es nicht eine Sekunde bereut. Ich will ein Freigeist sein, ohne mir Gedanken darüber machen zu müssen, was andere darüber denken. Niemanden muss es gefallen, was ich mache, außer mir selbst. Ich habe keine festen Arbeitszeiten, muss nicht in ein Büro. Dafür trage ich nun die Rechnung, denn meine Familie glaubt, ich hätte unendlich viel Zeit und könnte immer und überall arbeiten. Was natürlich ein Trugschluss ist.

Ich kann nicht in meine Geschichten eintauchen oder ein Lektorat bearbeiten, wenn ich nebenbei darauf achten muss, was ein anderer tut. Ja, ich fühle mich unglaublich egoistisch, nicht jeden Tag da sein zu können, aber immerhin geht es hier darum, mir etwas aufzubauen, von dem ich vielleicht irgendwann leben kann. Und ich brenne dafür. In jeder Sekunde, die ich am Schreibtisch sitze, spüre ich, wie sehr ich es will. So anstrengend es auch manchmal ist, so sehr liebe ich meinen Job auch. Ich will ihn nicht aufgeben, auch nicht für ein paar Jahre. Denn dann wäre es eh vorbei. Eine Autorin, die für ein paar Jahre von der Bildfläche verschwindet, kann auch gleich einpacken. Im Moment ist es schlimm genug, dass ich weder bei Insta, noch bei Facebook irgendwas poste. Aber nicht einmal mehr zu schreiben …

Es ist meine Entscheidung!

Ob ich nun ein Freigeist bin oder nicht, ich weiß jetzt, was ich will und wie meine Zukunft aussehen soll. Und ich bin bereit dafür hart zu arbeiten und alles zu tun, was für mich möglich ist. Niemand bestimmt darüber, wie mein Leben aussehen soll, denn ich gestalte es selbst. Und ich liebe es! Ich habe meine Wahl getroffen und nun fällt es mir schwer, diese auch wieder zurückzustellen. Eigentlich habe ich das lange genug getan. Zumal dieses Jahr ein besonderes werden soll. Nicht nur, was die Arbeit angeht, sondern auch mein Privatleben. Nun liegt es also in meiner Hand, für das zu kämpfen, was ich will. Und das werde ich auch!

Ich wünsche euch ein wundervolles Wochenende und hoffe, ihr seit alle wohlauf 🙂

Eure Jenny

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