Die rettende Welt der Worte

Ich bin Abenteurerin und Romantikerin! Schon als Kind habe ich Ungeheuer gejagt, habe Zauberei gelernt und und fremde Welten erkundigt. Immer wieder traf ich neue Menschen, Freunde und Feinde. Ich habe mich verliebt, habe gelacht und geweint, gelitten, mich gegruselt und habe unendliches Glück empfunden. Doch all das fand nur zwischen Buchdeckeln statt, es war immer fiktiv. Denn die Realität sah ganz anders aus. Sie war grausam und schmerzhaft. Heute möchte ich euch erzählen, wie ein kleines Mädchen die Welt der rettenden Worte entdeckt hat und wie sie ein neues zu Hause fand, wo sie ganz sie selbst sein konnte ….

Mein Name ist Jenny, bald werde ich 29 Jahre alt. Ich bin verheiratet, wohne in dem schönen Städtchen Erfurt und lebe meinen Traum. Seit März 2017 bin ich eine veröffentlichte Autorin, im September 2017 habe ich meinen ersten Verlagsvertrag unterschrieben. Und wo immer ich kann helfe ich anderen Autoren. Sei es beim Buchsatz oder beim lektorieren ihrer Texte oder einfach kollegialer Beratung. All das mache ich gern, ich mache es von Herzen und es ist mein Leben. Doch dazu wäre es niemals gekommen, wenn ich als normales Mädchen zur Welt gekommen wäre. Wenn ich nicht diese Behinderung hätte, die ich lange Zeit als Fluch betrachtet habe.

Seit meiner Geburt leide ich an Opticusatrophie. Das Gewebe meines Sehnervs löst sich langsam auf, so dass meine Sehleistung nach und nach schwindet und ich irgendwann erblinden werde. Seit ich denken kann, erzählen mir Menschen deshalb, was ich alles nicht kann und niemals können werde:

»Du wirst nie eine normale Schule besuchen.«

»Du wirst niemals das Abitur machen!«

»Du wirst es schwer haben, eine Ausbildung abzuschließen.«

»Du wirst keinen Mann finden, der dich so lieben kann.«

Als ich diese Sätze hörte, war ich ein Kind. Sie haben mir vermittelt, dass ich wertlos bin. Jemand, der nur eine Belastung darstellt. Und natürlich habe ich all das nicht infrage gestellt, immerhin kamen einige der Sätze von meinen Augenärzten. Die müssen es ja wissen, dachte ich, und wollte um alles auf der Welt ein ganz normales Mädchen sein. Ich wollte nicht an einer Krankheit leiden, die es mir unmöglich macht, mir ein Leben nach meinen Vorstellungen aufzubauen. Ich wollte nicht behindert sein! Und vor allem wollte ich all das tun, worauf ich eben Lust hatte.

Und kurz vor meiner Einschulung habe ich meine Familie angefleht, mich nicht auf eine Schule für Blinde und Sehbehinderte zu schicken, sondern in eine ganz gewöhnliche Grundschule. Ich bekam meinen Willen. Und das war der Anfang von allem, denn in dieser Schule habe ich gelernt, wie grausam Kinder und Menschen sein können, wenn sie jemanden treffen, der nicht so ist wie sie. Ich war die Außenseiterin. Das Mädchen, das nicht richtig sehen konnte. Ein Opfer.

Zwischen Leid und dem Erforschen neuer Welten

Sie haben sich auf mich gestürzt wie hungrige Wölfe und schon bald begann ich, meinen Wunsch bitter zu bereuen. Weshalb habe ich nicht einfach akzeptiert, was mir die Ärzte gesagt haben? Dann hätte ich damals nicht so leiden müssen, hätte nicht so oft am Abgrund gestanden oder mich in den Schlaf geweint. Bis zu meinem ersten Schultag hatte ich eine schöne Kindheit, ich war ein fröhliches und aufgewecktes Mädchen. Doch durch die Schikanen, die ich erlitten habe, hat sich meine Persönlichkeit geändert. Ich wurde zu einer schüchternen Maus und mit jedem Hieb, den ich eingesteckt habe, wurde ich misstrauischer. Misstrauischer gegenüber meinen Mitmenschen, aber auch gegenüber der Welt, in der ich lebte.

Und dann ist etwas Wundervolles passiert: Ich habe lesen gelernt.

Dank dieser Fähigkeit hat sich mein Leben vollkommen verändert. Zwar habe ich mich noch weiter zurückgezogen, doch plötzlich konnte ich in Welten eintauchen, die mir Schutz geboten habe. In den Charakteren von Büchern fand ich neue Freunde, sponn mich in die Geschichten hinein und erlebte einen Glücksrausch, der mich taumeln ließ. Ich habe unzählige Abenteuer erlebt und viele Protagonisten begleitet, die viel mehr für mich waren, als bloße Worte auf Papier. Sie waren meine Rettung!

Ein Funken Hoffnung

Ihr müsst wissen, ich bin die einzige Leseratte in meiner Familie. Ohne meine Behinderung hätte ich mich wahrscheinlich nicht so verzweifelt an jedes Buch geklammert, das ich in die Finger bekommen habe, sondern hätte meine Zeit mit Freunden verbracht. Eben wie es die normalen Kinder in meinem Alter auch getan haben. Doch ich war nun mal anders und auch unendlich einsam. Zumindest außerhalb meiner Bücher.

Doch die Worte, die ich verschlang, gaben mir die Kraft weiter zu machen, selbst in meinen dunkelsten Stunden. Immer, wenn ich dachte, dass ich nicht mehr aufstehen kann, nicht mehr kämpfen kann, haben sie mir die Hand hingestreckt und mich auf die Füße gezogen.

Eine zweite Zuflucht fand ich, als ich – ebenfalls noch in der Grundschule – begann, eigene Geschichten zu schreiben. Ich konnte mir eigene Welten erschaffen und Dinge erleben, die für mich undenkbar waren. Es war so aufregend, geradezu berauschend. Und schon damals fasste ich den Entschluss, irgendwann einmal Autorin zu werden.

Worte hatten mein Herz berührt, mir Trost gespendet und mich aufgerichtet. Sie haben mir gezeigt, dass das Leben unendliche Möglichkeiten bietet, auch für mich. Und diese Erkenntnis, dieses Gefühl wollte ich nie wieder verlieren. Bücher, Worte, Welten, Charaktere … All das wurde ein Teil meines Lebens, ein Teil von mir. Der starke Teil.

Denn wenn ich schreibe, dann bin ich kein behindertes Mädchen, das von den Menschen verstoßen wird, dann bin ich frei. Frei von meinen Ängsten und Zweifeln, frei von irgendwelchen gesellschaftlichen Zwängen. Und auch frei von allem, was mich hemmt. Wenn ich schreibe, bin ich JEMAND.

Worte haben Macht!

Mit Worten kann ich etwas verändern, ich kann anderen helfen, ich kann mitten ins Herz treffen und auf Dinge hinweisen, die falsch sind. Und das habe ich schon als Kind begriffen.

Im Gymnasium erkannte ich noch etwas ganz anderes. Nämlich als ich für unsere Schülerzeitung schrieb. Es ist scheißegal, wie gut du bist, wenn du über Dinge schreibst, die keiner wahrhaben will, dann wirst du eben nicht gedruckt. Damals hatte ich mit meiner Krankheit und mit Mobbing zu kämpfen. Jeder Schultag war für mich eine Qual und nur die Bücher und das Schreiben haben mich aufrecht gehalten. Also verfasste ich einen Artikel zum Thema Mobbing, immerhin hatte ich schon mehrere Beiträge veröffentlicht. Blöd nur, dass die Chefredakteurin eine meiner Peinigerinnen war und der Schuldirektor der Meinung, an seinem Gymnasium würde Mobbing nicht existieren.

Das Beste zum Schluss: Als ich erfahren habe, dass mein Artikel nicht gedruckt wurde, lag ich im Krankenhaus. Dort, wo mein Beitrag stehen sollte, stand etwas wie »Wegen technischer Schwierigkeiten …«

Ich fühlte mich betrogen, denn ich hatte nur die Wahrheit geschrieben. Doch das interessierte niemanden. Also verließ ich die Schülerzeitung und schrieb lange nur noch für mich selbst, doch ich schrieb.

Bis zum 19. Februar 2010. Nachdem ich meine alte Schule 2008 (natürlich ohne Abitur!) verlassen habe und auch ein Jahr in einem Berufsbildungswerk für Blinde und Sehbehinderte mich nicht weiter brachte, stand ich lange ohne Perspektive da. Doch an diesem besagten Tag wurde ein Mensch, der mir unglaublich wichtig war, krank. Also beschloss ich, mein Leben auf die Reihe zu bekommen, mein Abitur nachzuholen und mich der Gesellschaft zu fügen. Ich wollte weiterhin versuchen normal zu sein, mich anzupassen.

Die Fäden des Schicksals

Doch am 05. August 2010 verlor dieser Mensch den Kampf, der so lange gedauert hat und mit so viel Leid und Schmerz gepflastert war. Genau an dem Tag war mein erster Schultag, mein Neustart. Dieser Verlust veränderte mich vollkommen. Ich wurde aus der Bahn geworfen und nachdem ich die Ereignisse, die vor einem halben Jahr begonnen haben und an denen meine Familie beinahe zerbrach, aufgeschrieben hatte, rührte ich keinen Stift mehr an. Ich hörte auf zu schreiben, konzentrierte mich nur noch darauf, mein Abitur zu machen, den Menschen stolz zu machen, den ich verloren hatte.

Drei Jahre später hatte ich meinen Abschluss mit sehr gut bestanden, doch das Schreiben gehörte nicht mehr zu mir. Doch wie das immer so ist, hat alles, was uns passiert, einen Grund. An dieser Schule lernte ich einen Jungen kennen, der jetzt mein Mann ist. Ich lernte eine Lehrerin kennen, die mir beibrachte, dass es sich lohnt zu kämpfen. Ich hatte einen Deutschlehrer, der mir sagte, ich solle gefälligst etwas aus meinem Talent machen.

Ich wurde stärker. Und ich verstand endlich, dass ich mein Leben nicht für andere leben kann, sondern nur für mich selbst. Es dauerte zwei weitere Jahre, in denen ich versuchte normal zu sein, bis ich endlich begriffen habe, dass ich es nun einmal nicht bin und auch niemals sein werde. Zwei Jahre, bis mir endlich bewusst wurde, wer ich bin. So lange hatte ich mich unvollständig gefühlt. Dann begann ich wieder zu Schreiben.

Hör auf das, was dein Herz dir sagt!

Und erneut wurde ich überflutet von Gefühlen. Es war, als würde ich nach langer Zeit nach Hause kommen. Und plötzlich wusste ich, was ich wollte, wer ich war.

Worte zu Geschichten formen, neue Welten erschaffen, ein kleines Stück Glück erfinden. Das ist es, was ich kann und was ich bin.

Und trotzdem kämpfe ich immer noch. Gegen das nicht normal sein, gegen meine Behinderung. Ich habe keinen richtigen Job und an manchen Tagen komme ich kaum aus dem Bett, weil meine Gefühle mich so überwältigen. Und es gibt Wochen, da denke ich, dass ich wirklich wertlos bin. Doch das Einzige, was mich seit der Grundschule beinahe immer begleitet hat, war das Schreiben. Denn irgendwann wanderten die Worte aus meinem Kopf auf das Papier und das fühlte sich so unvorstellbar gut an. So vollständig, rein und richtig, dass ich seit damals den Wunsch habe Autorin zu werden. Worte haben mich gerettet, mich davor bewahrt mir schreckliche Dinge anzutun und der Wunsch, genau das auch für andere zu tun, ihnen durch eine schwere Zeit zu helfen und ihnen Hoffnung zu schenken, der treibt mich an.

Alles, was ich wollte, war schreiben!

Irgendwann sagte mein Mann: »Dann versuch es doch einfach. Schreib ein Buch und veröffentliche es.«

Und das tat ich dann auch.

Schreiben ist für mich kein Hobby und auch kein Job, es ist eine Berufung. Es ist alles, was ich habe, was ich jemals wollte und das, was immer mein großer Traum sein wird. Und genau deshalb gebe ich es nicht auf. Das kann ich gar nicht mehr, denn es hat mir fünf Jahre lang gefehlt, nur habe ich mir das nie eingestanden.

Ich habe eine Behinderung. Ich bin nicht normal, aber ich bin eine Kämpferin!

Obwohl mir gesagt wurde, ich könne nicht auf eine normale Schule, war ich es. Obwohl mir gesagt wurde, ich würde nie das Abitur schaffen, habe ich meinen Abschluss gemacht. Ich habe mehr erreicht, als man mir zugestanden hat. Weil ich stark bin. Und weil ich mir von niemanden sagen lasse, was ich kann und was nicht.

Es geht hier um MEIN Leben. Ich kann daraus machen, was auch immer ich möchte. Das ist nicht leicht, sondern sogar verflucht schwer, doch ich gehe meinen Weg. Denn jetzt, wo ich mich gefunden habe, wo ich weiß, was ich will, kann ich auch alles dafür tun, um das zu erreichen.

Vielleicht dauert es etwas länger, weil ich nicht normal bin. Vielleicht ist es schwerer und ich muss härter kämpfen. Aber genau das mache ich schon mein gesamtes Leben. Ich kämpfe gegen gesellschaftliche Konventionen, gegen Menschen, die mich in den Abgrund stoßen, nur weil ich nicht so bin wie sie. Ich kämpfe gegen eine Krankheit und manchmal auch gegen mich selbst.

Alles hat einen Grund

Es heißt, uns würden niemals Dinge passieren, mit denen wir nicht umgehen können. Und ich glaube fest daran, dass alles einen Grund hat. Meine Behinderung hat mich zum Lesen gebracht, Worte haben mir halt gegeben und meine Fantasie hat mich Geschichten schreiben lassen. Ich habe mich dafür entschieden, dass Abitur nachzuholen und habe so meinen Mann kennengelernt. Jede Entscheidung, die wir treffen, stellt die Weichen zu unserer Zukunft. Und alles, was wir bisher erlebt haben hat uns zu dem gemacht, was wir sind.

Ich habe gelitten, war verzweifelt und habe die Hoffnung verloren, doch ich habe niemals aufgegeben, sondern immer weiter gekämpft. Und es hat sich gelohnt! Ich habe nicht nur ein Buch veröffentlicht und weitere Romane geschrieben, sondern auch einen Verlagsvertrag bekommen. Neben meiner Hochzeit war das einer der schönsten Tage meines Lebens. Ich bin nicht perfekt, ich mache manchmal Fehler und habe Ecken und Katen, aber ich bin ich. Niemand bestimmt über mich, weil ich gelernt habe, dass nur ich das Recht habe, Entscheidungen für mich zu treffen. Mein Leben gehört mir und niemandem sonst!

Ich lebe meinen Traum und wenn ich das kann, könnt ihr das auch!

Es sind die kleinen Dinge!

Falls es euch gerade nicht gut geht oder ihr gegen Krankheiten ankämpft, falls euch alles zu viel wird und ihr das Gefühl habt, in einen endlosen Abgrund zu fallen:

Gebt niemals auf! So schwer es auch manchmal scheinen mag, aber da ist immer ein kleines Licht am Ende des Tunnels. Sucht euch jemanden, mit dem ihr reden könnt, haltet an euren Träumen und Zielen fest. Wer hart an sich selbst arbeitet und genau weiß, wo er hin will, wird es auch schaffen, davon bin ich fest überzeugt! Erfreut euch an Dingen, die für euch besonders ist und wenn es nur ein Spaziergang ist oder ein Gespräch mit einer Freundin.

Alles was wir tun und erleben macht uns stark und bringt uns weiter. Manchmal wird es schwer sein, daran zu glauben, doch es ist wahr. Lasst euch das von einem kleinen Mädchen sagen, das nicht so ist wie die anderen.

Und eines noch: Ihr seid wundervoll genau so, wie ihr seid!

Ich beende den Beitrag mit einem Zitat aus „You & Me – Zwischen Wahrheit und Lüge“, meinem Debütroman, weil die Botschaft so wunderbarpasst:

»Es sind die kleinen Dinge, die uns glücklich machen. Ein Kuss, eine sanfte Berührung und Worte, die zeigen, wie viel wir einem anderen bedeuten. Glück ist der liebevolle Ausdruck in den Augen eines Partners, das Lachen eines geliebten Menschen. Glück ist überall. Wir müssen nur danach suchen. Und so schwer es manchmal auch ist. Es lohnt sich. Immer.«

    2 Kommentare

  1. Sarah 11. Januar 2018 at 14:27 Antworten

    Du bist eine unglaublich tolle, starke und kämpfende Frau. Ich habe riesigen Respekt vor deinem Lebensweg, deinem Charakter, Können und auch deinen Plänen.

    Wenn die Welt mehr von Menschen wie dir hätte, wäre sie eine bessere.

    Ich wünsche dir bei allem wirklich jeglichen Erfolg, den du haben kannst! <3

    Liebe Grüße,
    Sarah

    • Jenny 12. Januar 2018 at 11:54 Antworten

      Danke für deine lieben Wort! Es hat lange gedauert, bis ich mich selbst als stark bezeichnen konnte und auf das gehört habe, was ich will und nicht auf das, was andere von mir fordern. Und wenn ich das kann, können das auch andere 🙂

      Ich wünsche dir auch jeden Erfolg der Welt, du hättest ihn verdient <3

      Liebe Grüße
      Jenny

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