Meine liebe Kollegin Sarah Force führt eine Kolumne und hat dort unter anderem schon angesprochen, dass sie keine Kinder möchte und außerdem noch bei ihren Eltern wohnt. Auch auf die entsprechenden Kommentare, die darauf folgten, geht sie ein, weil sie dafür verurteilt wird und sich schämt. Mich bringt das zu der Frage: Mein Gott, in was für einer Welt leben wir eigentlich?

Wie ihr sicher schon bemerkt habt, bin ich gut darin – richtig gut! – Dinge festzustellen und herauszufinden, was mir das Leben erleichtert und wodurch ich glücklicher werde. Nur an der Umsetzung hapert es dann. Um mal so richtig loszulassen und meinem Gefühl zu folgen, bin ich viel zu fixiert auf das, was andere von mir denken könnten und dem Bild, das sie von mir haben. Aber … warum eigentlich?

Zum größten Teil liegt das wohl an dem Selbstbild, das ich von mir habe. Ich finde mich scheiße, was für euch sicher keine Überraschung ist. Die meiste Zeit des Tages zweifle ich einfach an allem, was ich tue, aber besonders kritisch bin ich auch bei Dingen, die ich gar nicht so leicht ändern kann. Mein Äußeres zum Beispiel. Und meine Persönlichkeit. Bei Menschen mit einem schwierigen Charakter – und dazu würde ich mich jetzt zählen – ist es nicht einfach, sie einzuschätzen und mit ihnen umzugehen. Gut, statt schwierig, passt das Wort „sensibel“ wesentlich besser zu mir. Eine falsche Bemerkung und ich bin am Boden, da ist es wirklich nicht leicht, Kontakte zu halten.

Versteht mich bitte nicht falsch, ich kann recht gut mit Kritik umgehen, zumindest, wenn sie begründet ist und keinen Angriff auf meine Person darstellt. Leider beziehen sich aber viele Sätze, die mein Herz zum Bluten bringen, direkt auf mich, mein Leben und die Entscheidungen, die ich getroffen habe, um mich wohlzufühlen. Mir ist bewusst, dass ich nicht alles richtig mache, sollte ich denn überhaupt mal etwas richtig machen, aber es sind immer noch Dinge, die ich nur für mich mache.

IMG_0489Oft wird zum Beispiel gesagt, ich sei eine Stubenhockerin. Andere Menschen machen sich lustig über die Angst, die mich immer befällt, wenn ich meine Wohnung verlasse oder mit fremden Leuten Kontakt habe. Wenn ich telefonieren oder mit jemanden reden muss, bin ich danach schweißgebadet und nahe an einer Panikattacke. Witzig finde ich das nicht besonders, denn eigentlich ist das purer Stress für mich, und so einfach, wie jeder meint, ich könne diesen Umstand ändern, ist es dann ja leider auch nicht. Glaubt wirklich irgendjemand es sei schön, in die Stadt zu fahren, wenn sich der Herzschlag beschleunigt und der Magen sich verkrampft? Wenn man die ganze Zeit zu Boden starrt aus Angst davor, jemanden in die Augen zu sehen und vielleicht einen dämlichen Kommentar zu hören, weil mein Aussehen oder meine Kleidung nicht dem gesellschaftlichen Ideal entspricht? Ist. Es. Nicht.

Und jedes einzelne, negative Wort kränkt mich und wirft mich wiederum um Lichtjahre zurück in meiner Entwicklung, an der ich seit Jahren arbeite. Ja, ich sehe nicht typisch deutsch aus. Selbst im Winter habe ich einen südländischen Teint und im Sommer sehe ich aus, als hätte ich im Toaster übernachtet. Dafür kann ich aber nichts, ich habe mir das NICHT ausgesucht! Und niemand hat das Recht mich deshalb zu beleidigen. Schon gar kein Fremder! Ist ja nicht so, als würde ich mich stundenlang aufs Solarium knallen, nur um schön braun zu sein …

Solche Geschichten gibt es auch zu meinen Klamotten, zu meinen Haaren, meinem Gewicht, meiner persönlichen Meinung „Oh mein Gott, wie kannst du nur DIESES oder JENES tun?“ und „Hey, schau dir DIE mal an, wie die aussieht …“

Meistens denke ich im ersten Moment: Leck mich! Doch das sage ich nicht. Ich sage gar nichts. Ich schleppe mich nach Hause und heule, weil mich solche Sprüche einfach zu tiefst verletzen.

Und dann lese ich im Internet Aussagen wie „Na, was erwartest du, wer SOLCHE Bücher liest, von dem kann man ja nichts anderes erwarten.“ Als wäre jemand dumm oder was auch immer, nur weil er gern bestimmte Bücher und Genre liest. Was danach immer folgt sind Scham und Rechtfertigung. Andere Menschen äußern sich und versuchen, zu erklären, weshalb sie Buch x so toll finden. Auch was privatere Dinge angeht, halten sich die Leute nicht mit ihrer Meinung zurück.

Was der zweite Grund ist, weshalb ich mich auch im Internet nicht wirklich frei bewege, weshalb ich jedes Mal überlege, überhaupt einen Kommentar oder einen Beitrag zu veröffentlichen, weshalb ich mich mit Social Media so schwer tue:

Unsere Gesellschaft.

Es heißt „Sei du selbst“, aber wie soll man das machen, wenn es regelmäßig verbale Schläge hagelt?

Auf Instagram zeige ich niemals mein Gesicht, auch nicht meinen Körper. Ich bin der Meinung, ohne Make-up kann ich mich der „Öffentlichkeit“ nicht präsentieren und mit Übergewicht geht das auch nicht, also verstecke ich mich. Wow, das ist echt krank. Also, die Tatsache, dass ich überhaupt so denke und dass es im 21. Jahrhundert noch Menschen gibt, die sich für irgendetwas schämen und verstecken, was eigentlich normal sein sollte. Egal, um was es dabei geht.

Hach ja, ich bin nicht das idealbild einer Frau, ich bin keine Schönheitskönigin. Mir ist das egal, solange mich niemand sieht, aber ohne einen Komplex das Haus verlassen oder ein Bild posten? Never! Was das angeht, bin ich schon zu sehr auf das geprägt, was unsere Gesellschaft noch immer fordert: Hübsche, schlanke Menschen, die einen ganz normalen Job haben.

Dabei will ich gar nicht in dieses Bild passen. Es ist nämlich so, dass ich mich ganz wohl fühle, so wie ich bin. Sowohl mit meinem eigensinnigen Charakter als auch dem Rest von mir. Ich habe allerdings durch die Meinung anderer Menschen gelernt, mich nicht zu mögen und mich anzupassen, obwohl es gegen meine Natur geht. Ich habe gelernt, dass der Blick in den Spiegel und auf die Waage enorm wichtig ist. Dass es wichtig ist, Ja zu sagen, wo ich eigentlich Nein schreien will, weil ich eben anders denke, auch wenn es mir mit dieser Einstellung schlecht geht.

Wie gern ich doch mal sagen würde: „Ich bin Jenny, ich mag … und bei Tierfilmen muss ich weinen, weil sie mich so berühren.“ Mein Gott, wer weint schon bei Filmen? Stell dich nicht so an, ist eh alles nicht echt. Solche Reaktionen würde ich erwarten, deshalb sage ich so etwas nicht. Weil Sätze wie: „Das ist scheiße!“ oder „So was ist doch echt peinlich“ zu unserem Alltag gehören, dabei sind sie so falsch. Gerne könnt ihr sagen „Ich FINDE das scheiße, weil …“ ist eure Meinung und die dürft ihr ja äußern, aber eswas als allgemein scheiße abzustempeln, ist eben eine andere Sache …

Übrigens Thema Meinung: Ob man wirklich immer seinen Senf dazugeben muss und damit vielleicht einen anderen verletzt, finde ich irgendwie auch fraglich. Ich habe nichts gegen Diskussionen und Meinungsaustausch, aber Höflichkeit und freundlicher Umgang sollten doch immer gehen, oder?

Ich habe jedenfalls keine Lust das alles länger mitzumachen und mich für irgendetwas zu schämen, was für mich persönlich vollkommen normal ist. Es ist das Problem unserer Gesellschaft, nicht mein eigenes! Aber so gern ich mich auch freier zeigen würde, Bilder von mir bei Instagram und spontane Beiträge, werde ich das nicht. Eben weil es Menschen gibt, die immer noch andere für alles mögliche verurteilen. So ungern ich dieses Spiel auch mitmache, ich tue es, um mich selbst zu schützen, bis es mir irgendwann nichts mehr ausmacht angegriffen zu werden. Oder bis endlich jeder Mensch begriffen hat, dass Vorurteile und Verallgemeinerungen nicht mehr in unsere Zeit gehören …

ProjektplanerWas ich aber nicht mehr mache: Mich für meinen Buchgeschmack schämen oder für das, was ich schreibe. Mich wegen meinem Teint oder meinem Gewicht verstecken. Mich selbst hassen, weil ich einfach nicht in diese Welt passe. Denn vielleicht passt diese Welt auch einfach nicht zu mir. Vielleicht bin ich nicht zu emotional, sondern die Gesellschaft zu abgestumpft? Vielleicht bin ich gar nicht rebellisch, sondern finde es einfach nur gut, eine eigene Meinung zu haben und kämpferisch zu sein (innerlich zumindest ;))!

Funfact: Mir fällt es einfacher, mich für andere stark zu machen als für mich selbst, ist auch so ein Teil meiner komischen Persönlichkeit. Ich habe liebens gern meine Brüder verteidigt, während ich stumm eingesteckt habe …

Innerlich bin ich also ein Hau-drauf-Mädchen und das möchte ich auch gern nach außen sein. Ein kleiner Schritt dahin ist, dass ich mehr Dinge machen möchte, die mich glücklich machen, ganz egal was andere darüber denken.Ja, mein Gott, dann wälze ich mich halt im Laub und werde angestarrt, aber es macht fast so viel Spaß wie Schneeengel (Wann habt ihr das letzte Mal einen Schneeengel gemacht?) Ich möchte meinen eigenen Weg gehen und ich weiß, er passt nicht in das Gesellschaftsbild. Weil ich ein Freigeist bin, mit einem Maß an Empathie, das mich manchmal sehr belastet. Ich möchte meine Gefühle offen zeigen, ich möchte in die Welt heraus schreien, wenn es mir gut geht, aber auch nicht verbergen, wenn es nicht so ist. Ich möchte verdammt noch mal ECHT sein, ohne wieder eine Maske zu tragen, wie ich es jahrelang getan habe. Es war schwer genug das Ding loszuwerden, da will ich mich von nichts und niemandem wieder reindrängen lassen.

Hallo, ich bin Jenny, ich lese unglaublich gern Jugendbücher und New Adult Romance, weil ich daraus sehr viel mitnehme und sie meiner Seele guttun. Ich zocke auch sehr gern Videospiele, bin ein Serienjunkie und bewundere starke Frauen, weil ich eben gern selbst eine wäre. Ich liebe meinen Mann über alles und zeige das auch gern, indem ich ihm kleine Geschenke mache, obwohl er nicht Geburtstag hat und auch nicht Weihnachten ist. Ich freue mich gern für andere, wenn sie Erfolg haben, aber es macht mich traurig, wenn ich schlechte Nachrichten höre oder es Menschen, die ich mag schlecht geht. All das bin ich, genauso wie ich auch eine etwas übergewichtige Frau mit dunklem Teint bin, die Fehler und Macken hat. Und man fand ich es geil, dass eine gewisse Autorin es auf die Spiegel-Bestseller-Liste geschafft hat, dabei kenne ich sie nicht. Und ihr wisst nicht, wie bolle ich mich auf ein gewisses Buch freue, das im Februar erscheint. (Ich nenne bewusst keine Namen oder Titel, weil ich mir nicht anhören will, ich würde schleimen, habe ich nicht nötig, ich freue mich WIRKLICH für die beiden Autorinnen <3) Ach ja, ihr glaubt sicher auch nicht, wie gerne ich meinen Kollegen mit ihren Projekten helfe, wenn ich es kann. Denn das sind keine Konkurrenten für mich, sondern Leute, die ich gern habe. Und da hat auch Neid nichts zu suchen. Gut, ich bin ein wenig neidisch, aber nur, weil ich sehe, wie selbstbewusst viele meiner Kollegen sind. Das kann ich wirklich nur bewundern, denn ich weiß, dass auch sie zweifeln. Weil es normal ist, menschlich. Aber sie stehen zu sich selbst und DAS möchte ich irgendwann auch für mich …

Und jetzt überwinde ich mich und zeige ein Bild von mir. Bitte nicht auf den Hintergrund achte, meine Bücherregale wollen erst noch gefüllt werden ;-D Und ja, verschwommen ist das Bild auch und und und …

Eure Jenny

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